Von Berlin nach Aschaffenburg. Von einem kleinen Ausflug kann dabei kaum mehr gesprochen werden, dauerte doch schon allein die Hinfahrt per Bahn mitsamt ständigem Umsteigen gute zehn Stunden an. Dabei sollte der Weg gar nicht das Problem sein. Bier war genug an Bord und auch die Vorfreude schien grenzenlos. Wir ließen solch anstößige Orte wie Kirchmöser hinter uns und erreichten nach etwa der Hälfte der Zeit einen Bahnhof namens Eichenberg. Gerade für Außenstehende hätte eine Konzertveranstaltung namens "Welt in Trümmern" wohl abschreckenden oder gruseligen Charakter gehabt. Für uns hingegen war es jener Ort, der uns solche Gefühlszustände bescherte. Nachdem wir feststellten, dass wir unseren Zug soeben verpassten und somit definitiv nicht mehr rechtzeitig zu Beginn der von ARTicaz Records organisierten Veranstaltung in Aschaffenburg eingetroffen sein würden, merkten wir, dass scheinbar keine Menschenseele diesen Ort bewohnte. Nachdem ein Teil unserer kleinen Gruppe das Städtchen vergeblich nach einer Einkaufsmöglichkeit absuchte und abgesehen von einem Moped fahrenden Rentner nichts Lebendiges in der Nähe vorfand, wurde der Wunsch, schnellstmöglich zu verschwinden, größer. Zum Glück ging es dann kurz darauf in der Tat weiter gen Südwesten, was an der Verspätung allerdings nichts ändern sollte. In Affen… äh Aschaffenburg angekommen nahm der Weg zum uns völlig unbekannten JuKuz noch einmal einiges an Zeit in Anspruch. Dort müde, angetrunken und sicherlich auch leicht miefend angekommen bekamen wir von der zweiten Band, nämlich Weird Fate, gerade mal noch ein paar Minuten mit. Ein Urteil kann ich mir über das westerwäldische Quartett somit in keiner Weise erlauben. Gleiches gilt selbstverständlich für Atras Cineris, welche als Opener fungierten und von uns folglich gänzlich ungesehen blieben. Immerhin sollten nun mit Todtgelichter, Membaris und Geist noch drei interessante Bands folgen, die für mich im Vorfeld sowieso den Hauptreiz ausmachten. (Martin)

Todtgelichter

Dass die vier Hamburger trotz höherem Bekanntheitsgrad noch vor Membaris spielten, fand ich schon etwas merkwürdig. Wenngleich jemand von Letztgenannten bei Weird Fate zumindest auf der Bühne die Bass-Keule schwang. Von daher ist ein wenig Pause zwischendurch ja durchaus nachvollziehbar. Egal, sowieso nicht allzu wichtig. Jedenfalls fand ich den Auftritt von Todtgelichter sehr stark, die aber vom grandiosen neuen Album "Schemen" leider nicht soviel zum Besten gaben, wie ich es mir wünschte. Was zum guten Gesamteindruck beitrug, war der ausnahmslos klare Sound, der ihrer filigranen und klanglich beinahe zerbrechlich wirkenden Gitarrenarbeit nur zugutekam. Für mich trotz weniger Worte die packendste Band des Abends. (Martin)

Membaris

Da ich selbst bei Membaris draußen blieb um mich von den Strapazen des Tages ein wenig zu erholen, folgt nun an dieser Stelle ein Statement von einem Mitfahrer. (Martin)

Man, Man - da geht man nach diesem sehr genialen Gig der Nordlichter kurz eine Rauchen und trifft auf dem Rückweg noch einen Bekannten und schon hört man es aus dem Saal wummern. Kurz gesagt, Membaris zockten noch während ich einer Unterhaltung folgte. Eigentlich sehr gespannt auf die Herren, klang es zumindest vor der Eingangstür stehend nicht besonders. Dennoch, irgendwann löste ich mich von dem Gespräch - dürften drei Songs gewesen sein - und suchte mir einen Platz mit gutem Blick auf die Bühne. Der Sound, wie schon bei den Todtgelichtern, war einfach nur überraschend druckvoll und klar. Doch noch besser als der Sound war die Band selbst. Etwas überraschend war zwar, dass sie wenig von ihrem aktuellen Longplayer "Into Nevermore" zockten, aber das war angesichts dessen, was einem entgegenschallte, locker zu verschmerzen. Membaris war die Band, welche dem Titel dieses Konzerts wirklich alle Ehre erwiesen. Munter prügelten sich die Herren durch ihr Set und kaum ein Kopf vor der Bühne rotierte nicht. Auch die atmosphärischen Parts wurden meisterhaft umgesetzt. Ein grandioser Gig einer Band, die ich zum ersten Mal live sah und die mich von der ersten Sekunde, nach dem ich den Saal betreten hatte, komplett fesselten. (Jan)

Geist

Hier gab es für den einen oder anderen sicher einige Gründe, mit der Stirn zu runzeln. Ich weiß ja nicht, ob Geist im Regelfall bemalt die Bühne betreten, diesmal war es jedenfalls nicht so. Die Band schien zudem eher feiern, als ihre Musik ernsthaft rüberbringen zu wollen. Das Bier und die Zigarette wurden gerade vonseiten des Sängers, welcher mit schlabbrigem Isengard-Leiberl und Handschuhen (?!) auf der Bühne agierte, selten aus der Hand genommen. Auch bei den übrigen Geist-Musikern drohte die gute Laune niemals zu kippen. Da ich persönlich reichlich fertig war und mich eher von ernsthafteren Geist benommen in der Ecke hätte beschallen lassen, war ich nicht so beeindruckt von der Vorstellung. Gerade ein so intensives Lied wie "Winters Schwingenschlag" kam in keiner Weise so ergreifend daher, wie es selbiges auf dem Debütalbum tut. Außerdem übernahm den Großteil des Gesangs Thorsten von Nocte Obducta. Ich will keinesfalls behaupten, dass das Lied aus diesem Grunde an Tiefe verlor. Aber genauso wie Geist selbst wirkte dieses Stück stellvertretend einfach etwas zu fremd. Viele schienen das zwar anders zu sehen und ließen sich von der durchgehend feuchtfröhlichen Atmosphäre anstecken, insgesamt war die Halle im Laufe des Auftritts aber sichtbar leerer geworden als bei Todtgelichter oder Membaris. (Martin)



Fazit

Der Abend lohnte sich insgesamt, wie man aus meinen Zeilen entnommen haben dürfte. Ich wunderte mich nur etwas über den großen Menschenandrang. Natürlich ziehen gerade Geist so einige Musikliebhaber, aber dass sich letztlich so viele nach Aschaffenburg aufmachten, war für mich doch überraschend. Dafür war das Publikum aber ein annehmbares. Abgesehen von einem einzigen Absurd-Shirt-Träger mit Seitenscheitel, Brille und Dauerlächeln ist mir kein offensichtlicher geistiger Ausfall im Gedächtnis geblieben. Satan sei Dank, hehe. (Martin)

Nachdem nun auch ich meinen Teil mit dem Membaris-Bericht geliefert habe, lasse ich doch auch noch mal ein kurzes Fazit verlauten. Insgesamt hat sich die Fahrt mehr als gelohnt, auch wenn mir Eichenberg ewig als seltsamster Ort, welchen ich je besuchte, in Erinnerung bleiben wird. Ein paar mehr lächerliche Gesellen als den werten Seitenscheitel habe ich schon gesehen, denke aber, diese sollten hier unerwähnt bleiben, auch wenn sie einem genialen Konzert einen leicht schalen Beigeschmack verpassten. Sei's drum, was für ein Konzert! (Jan)