In diesem Jahr stand das Under The Black Sun, welches übrigens schon zum zehnten Male in Folge stattfindet, zumindest wettermäßig nicht unter dem besten Stern. Sturmböen, Wolkenbrüche und tristes Grau am Horizont sollten das Ambiente zum großen Teil bestimmen. Wo der Otto-Normal-Musikhörer abwinkt, geht der gemeine schwarze Mensch, dessen Exemplare man in Helenenau an diesen beiden Julitagen massenhaft vorfand, unbeschwert seinen Weg. Ansonsten gibt es immerhin noch eine befristete Behausung namens Zelt oder andere Unwetter eindämmende Schutzapparaturen wie Schirme, Kapuzen, Hüte oder aber fremde Pavillons. Gestört hat man sich am Wetter also kaum. Warum auch? Sonnenstrahlen schaden dem Augenlicht, und die waren wie angedeutet Mangelware.

Der Veranstaltungsort war, wie auch schon im letzten Jahr, ein beschaulicher Reiterhof nahe Bernau. Eine weitläufige Rasenfläche, ein Gasthaus sowie Hotelzimmer, ein dichter Wald rundherum und natürlich die Pferdekoppel prägten das Bild. An sich ist daran nichts wirklich ungewöhnlich oder besonders. Erst die Tatsache, dass die Bühne in einer nahe gelegenen Waldlichtung aufgebaut wurde, sorgt für den gewissen Aha-Effekt. Im letzten Jahr war dies im Übrigen nicht anders.

Gar nicht mal so verkehrt empfand ich die Polizeikontrollen vor Einfahrt aufs Festivalgelände. Sicher war die Mehrzahl der Besucher eher angepisst davon, sich von den grünen Männchen eine nicht unerhebliche Zeitspanne lang genau unter die Lupe nehmen zu lassen, nur scheint es inzwischen unbedingt notwendig zu sein. Auf welche Personen ich anspiele, dürfte wohl jedem klar sein. Ungebetene Gäste blieben im Großen und Ganzen aber dennoch nicht draußen, wobei der Anteil gegenüber den letzten Jahren vielleicht ein wenig reduziert werden konnte. Dafür konnte nebenbei aber vielleicht der ein oder andere fanatisch-religiöse Selbstmordattentäter oder der sich in den anliegenden Obstplantagen verlaufene Drogendealer dingfest gemacht werden.

Was von den Bands her geboten werden sollte, war zumindest namentlich noch qualitativ hochwertiger, als man es die beiden Jahre zuvor vorfand. Die norwegischen Krypt mussten allerdings ein paar wenige Tage vor ihrem Auftritt absagen, wofür noch flink eine Band aus Tschechien herangeholt wurde. Dazu aber später mehr.

Tag 1

Der erste offizielle Festival-Tag also. Meine Güte, der begann schrecklich. Da ich bereits einen Tag zuvor, folglich donnerstags, anreiste, spielte mir mein Magen einen Streich. Einige Pilssuppen und Spirituosen wurden auf halbwegs nüchternen Magen nicht vertragen, und so kotzte ich mir, im Angesicht des morgendlichen Graus, den letzten Satz Magensäure aus dem Bäuchlein. Widerlich und unangenehm! Ausreichend Schlaf war dadurch nicht wirklich gewährleistet. Diese Prozedur exzessiven Würgens unterzog ich mich an diesem noch jungen Tage einige Male in einer fast abschätzbaren Rhythmik. Unfreiwillig versteht sich. Lediglich den Kopf aus meinem unauffällig grell-orangem Zelt heraushaltend, verzierte ich das Grün vor meiner wackeligen Behausung. Stets wurde dies mit proletenhaften Lauten von der rechten Seite kommentiert. „Urks“-Rufe und nicht zu bändigendes Gelächter wurden mir entgegengebracht. Diese verdammten Holländer! Unbekannt waren sie mir nicht. Schon bei den letzten beiden Aufenthalten auf dem Festival unter der schwarzen Sonne (warum eigentlich nicht Mond?) begegneten mir diese grotesken Gestalten. „You are very famous in Holland!“ - bin ich das? Ich kenne jedenfalls keine einzige Menschenseele von dort näher. Wie letztes Jahr wurde mir auch diesmal ein mehr oder minder lustiger Streich seitens derer gespielt. Beim letzten Besuch wurde mein Korn-Fusel mit wohlriechendem Urin durchwässert. Diesmal war es ein totes Kaninchen welches mir - mit Fleischklößchen geschmückt, die ich noch vorm Zelt liegen hatte - auf meinem Campingstuhl serviert wurde. Während des Erbrechens empfand ich diesen Anblick selbstverständlich besonders wohltuend. Wo haben sie dieses leblose Tierchen nur her? Was für merkwürdige Leute...

Nachdem man dann wieder einigermaßen auf dem Damm war, wurde der schon annähernd leere Kasten gänzlich vernichtet und die restlichen Bekannten fanden sich in unmittelbarer Nähe ein. Dann kann’s ja losgehen...

Neithan

Im letzten Jahr waren die fünf Berliner noch spontaner und völlig unverhoffter Ersatz für Infernal, dieses Mal war das Quintett hingegen fest eingeplant und mimte den Opener am ersten Festivaltag. Pünktlich ging es aber, wie so oft, nicht los. Die Sound-Checks der weiteren am Abend spielenden Bands dauerten wohl länger als erwartet oder starteten verspätet. Jedenfalls war man beim Erklingen der ersten, zumindest für die Besucher bestimmten, Töne mehr als eine halbe Stunde über der Zeit gewesen. Sie selbst konnten dafür selbstverständlich wenig.

Im letzten Jahr gefiel mir ihre Musik live ziemlich gut. Diesmal waren zwei Dinge anders. Zum Ersten blitzten überraschender Weise imminent Sonnenstrahlen durch die Baumkronen und zum Zweiten war ich trotz einiger konsumierter Biere wenig heiter.

Da man Neithan in der Regel nachsagt, sie würden depressiven Black Metal spielen, erwartet man natürlich auch so etwas in der Art. Textlich, so konnte man es streckenweise kurz einmal heraushören, wird es dieser Sparte scheinbar gerecht. Musikalisch hingegen klingen Neithan wenig, bisweilen eigentlich gar nicht melancholisch oder ähnliches in der Art. Viel eher ging es recht flott zur Sache. Teilweise hatte man gar den Eindruck, als fiele das ein oder andere Gitarrenriff eher ins Metier des Thrash oder Death Metal, wenngleich Neithan im Gesamten ohne Frage Black Metal spielen. Es kann auch gut möglich sein, dass es aus der Anlage weitaus anders tönt, auf der Bühne klang man diesmal aber nicht allzu sensationell. Dennoch war der Auftritt annehmbar, sorgte bei ein paar sehr wenigen für schwingende Köpfe und stimmte die bisher weniger zahlreich anwesenden Zuschauer ein wenig auf das Kommende ein.

Sammath

Das allererste Album dieser fünfköpfigen Bande aus dem niederländischen Nijmengen habe ich im Vorfeld zwar lediglich kurz angetestet, allerdings war es einfach zu weit davon entfernt, mir zu gefallen. Zu vordergründige und penetrante Keyboard-Teppiche pflasterten jenes Album. Trotz guter Passagen klang es mir persönlich einfach zu gekünstelt und leicht kitschig. Deshalb wunderte ich mich schon ein wenig, dass man es in dieser Weise auf ein so spezielles Festival wie dieses geschafft hatte. Ein paar Tage vor Reiseantritt wollte ich aber doch noch einmal etwas intensiver auf die Holländer schauen. Und siehe da, die Hörproben zum neuen Album „Dodengang“, welches unlängst auf Folter Records erschien, hatten durchaus einiges Reizvolles zu bieten. Es ist auch davon auszugehen, dass beinahe nur Material von genanntem letzten Album gespielt wurde. Ein Keyboarder war jedenfalls nicht in Sicht. Welche Titel uns Sammath nun konkret dargeboten haben, vermag ich nicht zu sagen, dafür kenne ich sie ungenügend. Lediglich das Titel-Lied des neuen Albums vermochte ich zu entschleiern. Jenes Stück beeindruckte mich live aber sehr. Denn wie auf der Scheibe haben die Gitarrenriffs eine mächtige Wirkung und projizierten viel Kraft. Wobei ich den Eindruck hatte, dass das Lied um einige Minuten verkürzt wurde. Trotz dessen, dass mir dieser Song am ehesten imponierte, gefiel mir auch alles weitere, was auf der Bühne gespielt wurde. Das Publikum war für eine zweite Band jedenfalls schon reichlich nickfreudig und bestärkt meine positive Meinung. Sammath verdienen definitiv Aufmerksamkeit. Na ja, zumindest, seitdem „Dodengang“ erschienen ist.

Dass die äußerlich nicht gerade abstoßende Gitarristin in einer kurzen Pause durch Zurufe ein wenig frauenfeindlich behandelt wurde, war sicher nicht die höflichste Geste. Glücklicherweise verstehen Holländer die deutsche Sprache nicht prinzipiell. In ihrem Fall wäre es ausnahmsweise mal von Vorteil gewesen, wenn es denn zugetroffen hätte.

Endezzma

Diese Sache mit Endezzma war doch im Vorfeld wirklich verflixt. Es war eigentlich nur bekannt, dass die Truppe aus Bandmitgliedern von Tsjuder, Taake und Ragnarok bestehen soll. Hörproben wurden erst gar nicht angeboten. Selbst, dass zukünftig etwas veröffentlicht würde, war nicht abzusehen. Da ist es eigentlich nur logisch, dass man neugierig wird. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stand ich damit auch gar nicht allein da. Denn inzwischen hatte sich ein ziemlich umfangreicher Mob vor der Bühne gebildet, der gespannt auf das wartete, was gleich kommen würde. Als die Norweger dann standesgemäß mit Leichenmalereien im Gesicht die Bretter betraten, war ich froh, gleich zu wissen, was sich nun musikalisch hinter diesem Projekt verbarg. Als einige Minuten gespielt waren und man ein grobes Bild hatte, was Endezzma nun eigentlich die ganze Zeit im Hinterstübchen fabriziert hatten, stellte sich bei mir so langsam Ernüchterung ein. Es steht ja eigentlich außer Frage, dass solche Musiker im Normalfall nur gutes Material aufnehmen dürften, und so war es ja auch. Letztendlich hob man sich aber nicht ab. Es war, ganz nüchtern gesagt, belanglos, weil eben dieses gewisse Etwas oder die eigene Note fehlte. Wäre die Enttäuschung aufgrund der hohen Erwartung nicht gewesen, hätte ich mir Endezzma wahrscheinlich noch bis zum Ende angeschaut. So hatte ich die Nase aber irgendwie voll und wandte mich lieber dem Bier und der verbalen Kommunikation zu, was letztendlich wohl auch aufregender war, als der Auftritt der Norweger. Bei soviel Geheimnistuerei sollte durchaus mehr als das demonstrierte, eigentlich sowieso schon längst bekannte Produkt dabei herausspringen.

Eine Information, die mir nicht ganz unerheblich erscheint, folgt nun noch. Man verriet mir im Nachhinein, dass die Norweger neben eigenem auch Material von Kvist spielten. Zum Wahrheitsgehalt kann ich nicht viel beisteuern. Selbst wenn ich mir das volle Programm angeschaut hätte, wäre mir das nicht aufgefallen. Diese ebenfalls norwegische Band ist mir nur beiläufig bekannt. Von daher bleibt das Ganze vorerst ein Gerücht. Wer nähere Informationen hat, der darf mich gerne kontaktieren.

Merrimack

Mit Merrimack stand nun die erste Band auf der Bühne, von denen wohl mehr als nur zehn oder zwanzig Prozent der Besucher etwas besaßen, oder zumindest einmal angehört hatten. Nach der norwegischen Enttäuschung hatte ich aber fast schon gar keine Lust mehr, mir die Franzosen anzusehen. Das lag auch daran, dass ich die Band zwar namentlich kannte und auch die Alben, speziell das zuletzt erschienene, mal durchgehört hatte, aber nie als übermäßig begeisternd empfand. Viel eher stempelte ich es als lediglich solide Musik ab und war mir sicher, dass der französische Black Metal doch weitaus Besseres zu bieten hätte. Möglicherweise gibt das meine Meinung noch immer eins zu eins wieder, würde ich mir Merrimack erneut und zudem mal etwas intensiver auf Platte antun. Aber das tut nun auch nichts zur Sache, denn bei Auftritten sind die Franzosen scheinbar eine wahre Macht und begeisterten durch zerstörerisches Spiel. Überwiegend wurde das Gebotene dem aktuellen Album „Of Entropy And Life Denial“ entnommen, soviel bekam ich trotz mangelndem Wissens bezüglich der Band mit. Von dem keyboard-durchtränkten Material der Anfangstage spielte man, wie eigentlich vorauszusehen, rein gar nichts.

Trotzdem ich hierzu gar nicht viel Informatives schreiben konnte, sollten Merrimack in meinen Augen dennoch die überzeugendste Formation des Abends bleiben. So viel Kraft, Hass und zerstörerische Elemente muss man auf der Bühne erst einmal überschwappen lassen. Im Falle Merrimack’s hat das unglaublich gut gepasst und somit war endlich auch die Fanschar endgültig aufgerüttelt.

Decayed

Ich weiß auch nicht, was genau mit mir los war, aber nach dem imposanten Auftritt von Seiten der Franzosen hatte ich plötzlich wieder einmal kaum Lust, mir die nächste Band, nämlich Decayed, ernsthaft anzuschauen. Letztendlich fand ich mich dann doch, vorher an meinen gesunden Menschenverstand appellierend, in besagter Waldlichtung wieder. Die Portugiesen, die nun langsam die Bühne betraten, sorgten bei einigen für runzelnde Stirnen. Gut, wenn man Decayed nicht kennt, kann das wohl auch gut mal passieren. So trugen zwei Mitglieder an diesem Abend beispielsweise Motörhead- und Megadeth-Shirts. Vor allem aber der Sänger wirkte reichlich unorthodox, wenn man allein vom Äußeren ausging. Wie daraus zu vermuten, spielen die Portugiesen keinen vollkommen reinen Black Metal. Viel eher wurde eine ordentliche Portion Black/Thrash Metal geboten, die reichlich old-school-mäßig anmutete. Einigen im Publikum war das Ganze wohl zu albern oder nicht elitär genug, denn manch negative Aussprüche registrierte ich in meiner Nähe schon. Das mag auch an der gewagten Einführung gelegen haben. Dabei handelte es sich nämlich um „Blitzkrieg Bob“ von den Ramones. Auch wenn ich das nicht gerade als klug ausgewählt empfand, waren Decayed meiner Meinung nach eher erfrischend, genauso wie das Bier, das bei Bands dieser Art immer besonders gut schmeckt. Nicht viel anders erging es scheinbar der betagteren Fraktion, die sich zu Scharen vor der Bühne versammelten und ihr inzwischen leicht lichtes Haupthaar kreisen ließen.

Decayed sind bei einer Bandgeschichte, die über anderthalb Jahrzehnte zurückreicht, auf jeden Fall ein Anschauen wert. Überragend fand ich den Gig keinesfalls, aber sehr auflockernd, unterhaltsam und kontrastreich.

Corpus Christii

Nachdem Decayed die Bühne verlassen hatten, waren die nächsten Portugiesen an der Reihe. Corpus Christii waren die vorletzte Station, bis der Abend hoffentlich krönend mit einer der besten finnischen Bands überhaupt abgeschlossen würde. Von Azaghal ist natürlich die Rede. Zuerst aber war das süd-west-europäische Quartett an der Reihe. Allerdings war es schon reichlich spät geworden. Nicht nur die erste Band konnte nicht pünktlich beginnen, sondern auch bei allen nachfolgenden konnte die Zeit nicht exakt eingehalten werden und so summierten sich die Minuten auf den Abend. Corpus Christii fingen somit erst über eine Stunde später an, als geplant. Dennoch, das Aufbleiben lohnte sich. Mit dem mächtigen „Crimson Hour“, dem preschenden „The Firegod“ - welches treffender Weise durch Feuerspucker nachträglich an Atmosphäre gewann - sowie weitere großartige Stücke, überzeugten die vier wohl das Gros der zuschauenden Masse. Bis hierhin war das Quartett nach Merrimack die Band, die einen am ehesten mitzureißen wusste. Aber die Ernüchterung folgte auf dem Fuße. Inzwischen war es schon zu spät, um Azaghal noch auftreten zu lassen. Ich weiß nicht genau, ob die zeitliche Begrenzung schon vorher mit der Polizei abgesprochen wurde oder ob sich jemand aus Lautstärkegründen beschwerte. Es ist auch nicht allzu relevant, denn so oder so musste man noch knapp einen Tag warten, um Azaghal sehen zu dürfen. Schade, aber mit diesem zusätzlichen Schmankerl am nächsten Tag, sollte der Samstag immerhin noch weitaus überzeugender werden, als es der ohnehin schon ansprechende Freitagabend war.

Tag 2

Wettermäßig änderte sich nicht viel, außer, dass der Niederschlag zunahm und die Sonne öfter mal durchzublitzen vermochte, als noch am Vortag. Nach dem Einkauf, der unglaubliche zwei Stunden in Anspruch nahm, reichlich realitätsfremden Gesprächen und darauf folgendem Schweigen, Bierkonsum und ähnlich elementaren Festival-Dingen, entschloss ich mich, mir Musik zu kaufen. Der Weg zum überschaubaren Stand-Aufgebot wurde mir allerdings erschwert, nicht erheblich, aber dennoch. Etwas konsterniert von Allem lief ich einmal mehr am niemals stillen Pavillon der stets besoffenen Holländer vorbei. „Ey, Pistolen-Paul McCartney!“ - wie meinen? Ach ja, so wurde ich letztes Jahr getauft. Sinn? Frei von selbigem! Aber schmunzeln lässt es mich. Trotzdem, schnell weg von diesen Chaoten. Nach ein paar CD- und Tape-Einkäufen wanderte ich zurück. Zu Hause sollte ich später feststellen, dass eine der erstandenen Scheiben - oder zumindest das Äußere - durch Wasser Schaden nahm. Ein verklebtes Heftchen und ein gewelltes Back-Cover ließen mich erzürnen. Also ich war’s nicht, meine Herren! Leider achtete ich nicht darauf, um welches Label es sich bei dem Vertrieb handelte. Für die Zukunft sei das allerdings unbedingt vorgemerkt.

So langsam aber sicher wurde es dann mal Zeit, dass die Bands ihre Instrumente vergewaltigten. Das Wartezimmer UTBS ging in Runde zwei. Lest hierzu das Folgende...

Panychida

Da Krypt, wie in der Einleitung schon erwähnt, reichlich kurzfristig absagten, wurde die noch unerfahrene tschechische Pagan Metal-Band Panychida kurzerhand ins kalte Wasser geschmissen. Jene sollten den zweiten und letzten Konzertabend mit ihrem halbstündigen Gig eröffnen. Aber auch hier lief im Vorfeld nicht alles glatt. Aufgrund der Verschiebung von Azaghal sollte die allererste Band am heutigen Tage schon über eine Stunde früher beginnen, aber auch diesmal konnte der Zeitplan nicht eingehalten werden. Da lag die Befürchtung doch nahe, dass auch heute irgendeine Band weichen müsse. Das Schlimme daran wäre im Gegensatz zum Fall Azaghal gewesen, dass der betreffende Gig nicht hätte nachgeholt werden können. Aber gut, wir gehen wie gewohnt alles der Reihe nach an. Nach ordentlicher Verzögerung hörte man nämlich plötzlich Panychida spielen. Es geht also los - dann aber ab zur Bühne! Nur verging mir leider der Appetit auf dem Weg, denn zwischendurch blitzten immer wieder aufdringliche Flötenmelodien durch das ansonsten ganz passabel klingende Konzept der Tschechen, wie man aus der Ferne hören konnte. Vor der Bühne angekommen änderte sich nicht viel an meiner Meinung. Die Musik des Quartetts klang annehmbar, der ein oder andere ließ sogar den Kopf mitschwingen. Das war nett anzuhören, aber mehr auch definitiv nicht. Die pagan-typischen Einsprengsel, wie die genannte Flöte beispielsweise, waren hingegen überhaupt nicht mein Fall. Allgemein haben Panychida in meinen Augen sowieso nicht gerade hervorragend ins Billing gepasst, aber bei so kurzfristigen Absagen bleibt einem wahrscheinlich oft nichts anderes übrig, als schnell zu handeln. Wenn dann nicht alles passt, sollte man dafür natürlich Verständnis haben. In dem Fall lässt sich selbiges auch ohne weiteres aufbringen.

Witchcraft

Witchcraft hatte ich mir zu Hause angehört, um einen Eindruck zu bekommen. Ein ganz schön deftiges Geschepper, dachte ich mir. Auf der Bühne zeigte sich die ungarische Formation nicht anders. Viel eher war das Gegenteil der Fall: Es ging mächtig aggressiv und noch scheppernder zur Sache. Leider fehlten mir bereits beim Hören daheim die Höhepunkte oder besonderen Akzente, die auch an diesem frühen Abend nicht zu mir durchdringen wollten. Wahrscheinlich gibt es sie auch nicht. Die Musik der Osteuropäer knallt gut, mehr aber nicht. Zumindest ist das meine Meinung bis zum heutigen Tage. Deshalb verweilte ich auch nicht lang und stolperte zum Zeltplatz zurück.

Warhammer

Die deutschen Hellhammer-Anbeter Warhammer waren überwiegend sicher etwas für die älteren Herrschaften. Ich fand den Auftritt der vier recht unterhaltsam, mag solchen Kram auch, lauschte aber nicht inständig. Maßlos voluminöse Bierschlücke und mündliche Unterhaltungen hielten mich vom Konzentrieren weitestgehend ab. Viel darüber schreiben kann ich folglich nicht, auch wenn ich, so glaube ich mich zu erinnern, dem gesamten Gig beigewohnt habe.

Azaghal

Verdammte Scheiße, endlich! Oder auch nicht? Ich fand es etwas schade, dass Azaghal bereits so zeitig eingeschoben wurden. Es war noch hell, was sich im Laufe des Auftritts auch nicht mehr ändern sollte. Nun gut, vielleicht ist das auch gar nicht wichtig. Azaghal waren so oder so grandios. Das durch den kultverdächtigen Titel "Black Terror Metal" eingeleitete Konzert hatte ein überwiegend sehr rotzendes und abgefucktes Flair. Es war nun zum ersten Mal am Abend richtig voll vor der Bühne, aber wen wunderte es schon. Die Finnen beeindruckten mich, wie keine andere Truppe bisher. Dabei hatte ich hohe Erwartungen, die doch gern mal enttäuscht werden.

Bei dem vielen Material, das die Finnen vorzuweisen haben, habe ich es vor Ort nicht hinbekommen, allzu viele Lieder zu erkennen. Neben dem Opener sind mir lediglich noch "Juudas" und "Mustamaa" vom ersten Album in Erinnerung. Allzu schlimm war das aber nicht, denn auch so hatte ich sehr viel Spaß bei Zuschauen. So zerstörerisch, so rotzig und so kantig klangen die vier mit Schweineblut übergossenen Finnen. Jener rote Körpersaft wurde (via Eimer?) nach meinen Informationen auch noch in die Menge gekippt. Das sei noch als Randerscheinung angefügt.

Hoffentlich wird man das Quartett schon sehr bald wieder bestaunen dürfen. Das war denkwürdig!

Eternity

Leider litten die enthusiastischsten Fans der Deutschen, die sich inzwischen allesamt ganz vorn vor der Bühne eingefunden hatten, an Haarausfall. Zudem wurde an besagter vorderster Front ein Handgemenge veranstaltet, das möglicher Weise das ein oder andere blaue Auge forderte. Natürlich lässt sich die Band über wenige Ecken mit den ach so beliebten Absurd in Verbindung bringen, dennoch haben jene Leute wohl nicht ganz verstanden, worum es bei einer Band wie Eternity wirklich geht. Tiefschürfendes trifft auf Stupidität. Immerhin, ein hämisches Grinsen habe ich dafür auch noch übrig. Aber gut, lassen wir dieses Thema mal beiseite.

Zum eigentlichen Auftritt: Wie auf Platte wirkten die Deutschen sehr zermürbend. Der kräftige Sound gepaart mit einer schweren, schürfenden Instrumentalisierung tauchte die eigentlich noch helle Waldlichtung in ein tiefes Schwarz. Mächtig, einfach nur mächtig. Ein besser passendes Attribut fällt mir nicht ein. Dabei war ich anfangs gar nicht so beeindruckt, erst nach einigen Minuten packte mich das Dargebotene. Bei jeglichen Titeln vom Debütalbum und dem gerade erst erschienenen hatte man das Gefühl, als würde man fleischlos weg geschleift - die Knochen knackend und kratzend über dem Untergrund. Ich konnte es mir nicht verkneifen, die Faust zu ballen und mit dem Kopf mitzuwippen. Ein seltenes Bild. Eternity tun einfach irgendwie richtig weh und transportieren dabei viel Aggression. Hat man die Möglichkeit, die Band einmal live zu sehen, so kann ich nur empfehlen, sie auf keinen Fall zu verpassen. Das war einer der absoluten Höhepunkte!

1349

Watain spielten wider Erwarten doch nicht als nächstes, sondern wurden einen Platz weiter nach hinten gestuft. Die Gründe sind mir nicht wirklich bekannt.

Jetzt war ich erst einmal ausreichend befriedigt vom umwerfenden Auftritt der Vorgänger, sodass ich mir 1349 nicht konzentriert anschauen wollte. Wobei ich sagen muss, dass ich mir das auch schon vorher vorgenommen hatte. Wirklich passend finde ich eine solch große Band auf solch einer kleinen Veranstaltung nicht. Es steht außer Frage, dass die Norweger spielerisch einiges auf dem Kasten haben und wohl als die versierteste Formation des gesamten anwesenden Band-Aufgebots durchgingen. Auch live geht es bei ihnen mächtig zur Sache, nur welcher Jemand hat das Quartett um den überbewerteten Frost eigentlich noch nicht einmal auf der Bühne stehen sehen? Wie bei Endezzma schaute ich mir nur sehr wenige Lieder an, um daraufhin vorerst zu verschwinden. Vom Campingplatz aus hörte man die Norweger übrigens anormal laut knüppeln und wenn ich mich recht erinnere, mussten sie die Lautstärke im Laufe des Auftritts sogar noch etwas drosseln lassen.

Watain

Aus Schweden kommt allerhand gute Musik, das steht zweifellos fest. Watain waren aber immer davon entfernt, zu meinen absoluten Lieblingen des Elchlandes zu gehören. Erst nach tagelangem Hören der „Casus Luciferi“ rückten sie dieser Stellung etwas näher. Als dann vor nicht allzu langer Zeit ihr aktuelles, nämlich drittes Studioalbum erschien, weitete sich dieser Abstand wieder. Als zu klar, als zu wenig boshaft empfand ich „Sworn To The Dark“. Somit war ich einer der wenigen, der dem Auftritt des Quartetts nicht voller Enthusiasmus entgegenfieberte. Zudem war ich schon ziemlich wackelig auf den Beinen. Nicht zuletzt wegen einer mit grünem Kraut bestückten Zigarette. Wie untrue, nicht wahr?

Sehr zu überraschen wusste mich der Sound, der beinahe - für Live-Verhältnisse - glasklar wirkte. Das mag auch daran gelegen haben, dass ich mir selbiges bei Titeln á la „Satan’s Hunger“ oder „Legions Of The Black Light“, welche ja dem neuen Album entnommen wurden, nur einbildete. Bei „I Am The Earth“ bekam ich dann einen kleinen Schub. Ansonsten war ich einfach zu kaputt, um Watain wirklich überragend zu finden. Oft verlor ich mich lieber in meiner eigenen grotesken Gedankenwelt. Zu anderer Zeit und anderem Befinden wäre ich wahrscheinlich mehr gepackt worden. Der Schlusspunkt wurde mit dem Dissection-Cover „The Somberlain“ aber noch wunderbar gesetzt. Ein insgesamt - objektiv gesehen - sehr guter und stimmiger Auftritt, für den wohl beinahe alle Anwesenden aus ihren Zelten gekrochen kamen.

Inquisition

Nun war es schon fast eine Stunde nach Mitternacht. Inquisition machten sich so langsam bereit für den letzten Gig des diesjährigen Under The Black Sun-Festivals überhaupt. Irgendwie konnte ich aber nicht ganz glauben, dass der Auftritt bis zum Ende durchgezogen würde. Dafür war es schon zu spät. Als Inquistion die ersten Klänge durch die Boxen pumpten, zeigte der kleine dicke Zeiger wohl schon auf die Eins. Einen Abend zuvor war da fast Schluss. Man erinnert sich an Azaghal. Ich wollte mir den sprichwörtlichen Teufel nicht an die Wand malen und konzentrierte mich lieber auf die Band. Jene Band nämlich, die lediglich aus zwei Mannen besteht und welche dort oben ein so diabolisches Inferno veranstalteten, wie man es wahrscheinlich selten gesehen hat. Eigentlich war ich schon verdammt im Arsch und freute mich darauf, meinen Körper waagerecht im Zelt zu parken. Doch mit „Unholy Magic Attack“, das als zweites oder drittes gespielt wurde, war ich schon beinahe wieder hellwach. Es ist doch kaum zu glauben, wie man zu zweit so Arsch treten kann. Es geht kaum böser, kaum düsterer, kaum rotziger. Zudem wirkten Inquisition überaus sympathisch. Ständig bedankten sie sich für den Applaus und für das Erscheinen so vieler Menschen vor der Bühne. Nachdem nicht mehr als eine dreiviertel Stunde des Auftritts vorüber war, dessen Hauptanteil die Lieder des ersten und letzten Albums hatten, tat sich etwas am rechten, hinteren Bühnenrand. Der Veranstalter plus ein paar wenige Polizisten - wenn ich es denn in der dunklen Ecke richtig deutete - holten die Band zu sich. Nach einem kurzen Wortaustausch verkündeten die ehemals in Kolumbien heimischen Amis, dass sie lediglich noch ein Stück spielen dürften, welches im Übrigen ebenfalls dem neuen Album entstammte. Trotz dieser Hiobsbotschaft blieben Inquisition locker, zockten das Ding souverän und energievoll runter, bedankten sich auch am Ende nochmals für den Support und verließen die Bühne scheinbar ohne großartige Verärgerung. Ein toller Abschluss eines großartigen Konzertes, wenngleich die Spielzeit nicht vollkommen ausgereizt werden durfte.

Fazit:

Etwas ärgerlich war, dass die Zeiten nicht eingehalten werden konnten. So wurden Azaghal wie erwähnt verlegt und Inquisition mussten verkürzen. Insgesamt wurde das Ganze aber noch recht gut geregelt, wie ich finde. Musikalisch war die Veranstaltung sowieso eine Bereicherung. Das Billing war so gut wie lang nicht mehr, auch wenn es selbstverständlich immer besser geht. In dieser Hinsicht bin ich dieses Jahr wieder ausreichend verwöhnt worden. Auszusetzen gibt es abgesehen vom ersten Punkt eigentlich nichts Großartiges.

Was mindestens ein Viertel, ja wenn nicht sogar die Hälfte der anwesenden Black Metal-Fans - sofern man sie denn so nennen möchte - anging, so habe ich für diese Leute zum Großteil nur Verachtung übrig. Es ist sicher cool aber wahrscheinlich liegt es vor allem im Trend, dass man seine geistige Inkompetenz auf dem Platz herumposaunt, ohne dabei rot zu werden. Damit sind nicht die saufenden, rülpsenden und pupsenden Metaller gemeint, die ein schönes Wochenende verbringen wollten, sondern jene Personen, die mit ihren geistlosen und hirnverbrannten Ideologien eine ganze Musik-Szene in den Abgrund stürzen und dafür sorgen, dass politfreie und erhabene Musik einen dreckig-rostigen Anstrich erhält.