Todesstoß - Jenseitslüge

Todesstoß - Jenseitslüge Cover
Label:
-
Erscheinungsjahr:
2002
Limitiert auf:
220 Stück
Kontaktadresse:
-

Das bayerische Soloprojekt, welches ausschließlich aus dem Musiker Martin Lang besteht, ist weit davon entfernt, als bekannt zu gelten oder der breiten Masse leicht zugänglich zu sein. Oft wird behauptet, dass seine Musik Burzum-ähnliche Strukturen und Züge aufweise, aber diese Aussage trifft nur bedingt zu. Definitiv darf man aber festhalten, dass Todesstoß eine sehr melancholische, tieftraurige Atmosphäre rüberzubringen vermag, wie sie damals auch Herr Vikernes erstmals ansatzweise in den Black Metal mit einfließen ließ.

Bei der mir vorliegenden Veröffentlichung handelt es sich natürlich um die Tapeversion, die nur als Eigenproduktion erhältlich ist und im Normalfall auch nicht mehr zu bekommen sein sollte. Glücklicherweise wurde das längst vergriffene Demo durch Blutvergießen jüngst wieder in die Produktion gesteckt und wird nun als normale aber ebenso limitierte CD-Version vertrieben.

Die Einführung beginnt mit einem kurzen, langsamen Gitarrenriff welcher direkt in eine herrliche Keyboardmelodie mündet. Jene wurde übrigens dem deutschen Kultfilm "Der Todesking" (Jörg Buttgereit) entnommen. Nach knapp zwei Minuten ist dieses doch schon irgendwie betäubend wirkende Intro vorüber und die Scheibe offenbart fortan ihr wahres Gesicht. Denn das zweite Lied, welches zugleich den Titeltrack mimt, prescht zuerst einmal mit einem rauen, relativ schnellen Riff los. Sofort wird klar, dass es sich bei diesem Projekt um absolut nichts Bombastisches handelt. Die Produktion ist nämlich verdammt roh, hallend und düster. Das schon angesprochene Riff wird im Laufe des Liedes immer weiter ausgebaut und nimmt wirklich fantastisch mitreißenden Charakter an. Am Ende klingt das Stück mit abgedrehtem, beinahe verrückt machendem Gitarrenspiel gefolgt von einer weiteren, sehr angenehmen Keyboardmelodie aus. Aber schon bei diesem ersten wirklichen Song des Albums fällt auf, dass die Songstrukturen teils etwas wirr beziehungsweise einige Passagen sehr überraschend eingestreut wirken, auch wenn der Aufbau wirklich gut und eigenständig gelungen ist. Auch allgemein wird die unbeschreibliche und bisher kaum da gewesene Atmosphäre, die hier in gewissen Abschnitten geschaffen wird, schnell wieder durch Gerumpel und andere fragwürdige Spielereien zerrissen, was ich verdammt schade finde. Leider wird die gesamte Veröffentlichung von dieser Krankheit geplagt. Ähnlich ist es beim folgenden Stück namens "Beflügelt von Eiswinden". Wobei dieser zum Teil noch umwerfender klingt als der vorangegangene. Vor allem dieses wehmütige Gitarrenriff, welches im Laufe des Liedes auch in unbeschreiblicher Weise von einer zweiten Klampfe unterstützt wird, sorgt für einen mentalen Orgasmus. Mittig fängt das Lied aber plötzlich an auszuklingen, nur um dann einen Augenblick später in völlig anderer Weise und arg ungestüm wieder loszubrechen. Zwar wird nach kurzer Zeit wieder ins ursprüngliche Schema eingesetzt, gelungen klingt dieser Bruch aber nicht im Geringsten und reißt einen geradezu aus der Benommenheit, die dieses Lied sonst beim Hörer auslöst. Der vorletzte und mit einer Länge von über zehn Minuten Spielzeit gleichzeitig auch längste Titel nennt sich "Im Schlafe sterbend" und ist wohl, zumindest auf manche Passagen gesehen, eines der deprimierendsten Stücke, die ich in meinem Leben jemals zu Gehör bekommen habe. Anfänglich, also geschätzte dreieinhalb Minuten, leiert das Lied in gemäßigtem Tempo dahin und lullert den hypnotisierten Hörer immer weiter ein. Und dann, ganz plötzlich, verwandelt sich das Lied in eine Kammer voller Leid, Depression, Angst und Trauer. Ein mit Worten nicht zu beschreibender, raumfüllender und Gänsehaut verursachender Schleier aus reiner vertonter Schwärze legt sich über den Hörer. Die markerschütternden, in dieser Intensität wohl niemals zu übertreffenden Schreie werden in all ihren Variationen offenbart. Die wunderbar eingängigen und verträumten Melodien, durch Gitarre und Synthesizer erschaffen, tun ihr Übriges. Dieser Abschnitt ist einfach der blanke Horror. Gänsehaut ist hier vorprogrammiert. Umso entsetzlicher ist dann, dass diese grausame Atmosphäre, die doch so behutsam aufgebaut wurde, plötzlich durch ein weiteres Hirngespinst des Herrn Lang in unsagbar gefühlloser Art und Weise zunichte gemacht wird. Fortan wird das Lied von gehobenem Tempo und teils sehr theatralischen Lauten, die der Musiker von sich gibt, geprägt. Die Magie ist ab diesem Moment in gewisser Weise hinfort und vermag in der Restzeit des Liedes auch nicht mal mehr ansatzweise in dieser Form wieder eingefangen zu werden. Nachdem diese Achterbahnfahrt der Gefühle vorüber ist, klingt die Scheibe letztlich mit dem Ausklang "Funus", ähnlich wie sie eingeführt wurde, in träumerischer Weise wieder aus.

Abschließend ist die "Jenseitslüge" trotz aller Defizite ein Pflichtkauf für jeden, der depressivere Klänge nicht scheut. Egal wie spielerisch minderwertig, wie klangtechnisch - zumindest objektiv gesehen - schlecht das Soundgewand oder wie halsbrecherisch einige Passagen auch wirken mögen, ich kann hier einfach nur hoch bewerten, da man selten so ein mitreißendes Hörerlebnis vorgefunden hat. Martin Lang schafft hier ein Wirrwarr aus Emotionen die der Hörer nur schwerlich verarbeiten kann. Stets zwischen Geniestreich und absolutem Wahnsinn unterwegs treibt er seine Anhänger immer weiter in den Wahnsinn und genau das gibt ihm und seiner Arbeit Recht. Verrücktheit mit Klasse, die man haben muss! Besseres Material ist mir von diesem Projekt nicht bekannt. Wenn überhaupt etwas rangeschafft wird, dann am besten dieses Teil.

8/10

[Martin aka Pest, Berlin den 07.06.2007]